Der größte Zoo in Rheinland-Pfalz ist nicht nur Freizeit- und Bildungseinrichtung, sondern erfüllt noch einen weiteren wichtigen Zweck: Er dient als Auffangstation für einheimische Wildtiere. Verletzte Individuen oder verwaiste Jungtiere einheimischer Vögel und Kleinsäuger können von den Findern nach Anmeldung in den Zoo Neuwied gebracht werden, und werden hier von fachkundigen Tierpfleger*innen gesund gepflegt oder großgezogen. „Wir betreuen hier über 100 Findlinge pro Jahr. Überwiegend handelt es sich dabei um kleinere Vögel, wie Mauersegler und Singvögel, die aus dem Nest gefallen sind. Wenn es nicht möglich ist, sie dorthin zurück zu setzen, müssen sie noch eine Zeit lang gefüttert und warmgehalten werden. Da die richtige Temperatur und vor allem das richtige Futter sehr wichtig und artspezifisch unterschiedlich sind, raten wir davon ab, solche Tiere zuhause selbst zu versorgen“, erklärt Kurator Maximilian Birkendorf. Im Zoo Neuwied können immerhin mehr als die Hälfte der gebrachten Jungvögel erfolgreich ausgewildert werden.

Aber nicht nur Kleinvögel werden in den Zoo gebracht, auch Greifvögel und Eulen gehören zu den häufigeren Findlingen, entweder ebenfalls als Jungvögel oder aufgrund von Verletzungen. „Im Fall von verletzten Fundtieren bitten wir die Finder, die Tiere vor der Abgabe im Zoo einem Tierarzt vorzustellen“, bittet Max Birkendorf. „Da wir keinen Zootierarzt vor Ort haben, können wir die Tiere in solchen Fällen nicht angemessen versorgen.“In allen Fällen, ob es sich um Jungtiere von Vögeln oder Säugetieren handelt oder um kranke oder verletzte Tiere, ist das Ziel des Zoos die Wiederauswilderung der Tiere in ihren ursprünglichen Lebensraum.

Die Auswilderung ist speziell bei jungen Greifvögeln und Eulen ein Unterfangen, das gründlich vorbereitet werden muss: Die Jungvögel müssen zunächst das Fliegen und das Jagen lernen. Daher werden in der Vorbereitung zur Auswilderung ausnahmsweise lebende Mäuse verfüttert, welche im letzten Schritt in der großen Auswilderungsvoliere ausgesetzt werden, um von den Jungvögeln selbst erbeutet zu werden.

„Erst wenn das sicher funktioniert, wissen wir, dass der Vogel gute Überlebenschancen in Freiheit hat“, sagt Sergej Tews, der das Waldrevier leitet und damit für Eulen und Greifvögel zuständig ist. Zuletzt hat er eine junge Waldohreule betreut, welche schon Mitte Mai als Küken in den Zoo gebracht wurde. In über 10 Wochen hat sie hier alles gelernt, was sie können muss, um ein selbstständiges Leben zu führen. „Wir achten darauf, so wenig Kontakt mit den Tieren zu haben wie möglich, damit die Vögel sich nicht zu sehr auf den Menschen prägen. Für wilde Eulen ist es besser, wenn sie Menschen meiden“, erklärt der Tierpfleger.

Trotzdem lässt es sich nicht ganz vermeiden, dass zumindest von menschlicher Seite aus eine Bindung zu den tierischen Pflegekindern entsteht. Und so kann man sich vorstellen, dass es ein ganz besonderer Moment ist, wenn man eine Eule, die man in zweieinhalb Monaten auf dem Weg vom grauen Daunenknäuel zur ausgewachsenen Waldohreule begleitet hat, in die Natur entlassen kann.