Auftaktveranstaltung der Handwerkskammer Koblenz richtet Blick nach vorn – Prof. Dr. Till Proeger startet wissenschaftliches Projekt zur Rolle des Handwerks in Katastrophenfällen 
Foto-Quelle: HwK Koblenz / Dagmar Schweickert
BAD NEUENAHR-AHRWEILER. Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal richtet die Handwerkskammer (HwK) Koblenz den Blick nach vorn. Im Rahmen einer Auftaktveranstaltung in der Ahr-Akademie stellte sie gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Handwerk und Wirtschaft eine wissenschaftliche Projektstudie vor, die die Rolle des Handwerks während der Flutkatastrophe und für die Zukunft systematisch untersuchen wird. Ziel ist es, die sogenannten „lessons learned“, also gemachte Erfahrungen zu sichern, Lehren und Schlussfolgerungen für künftige Krisen zu ziehen und das Handwerk als unverzichtbaren Bestandteil einer resilienten Gesellschaft sichtbar zu machen.

Das Interesse an der Auftaktveranstaltung „5 Jahre nach der Flut“ war groß und so konnten HwK-Präsident Kurt Krautscheid (vorne links) und HwK-Hauptgeschäftsführer Ralf Hellrich (vorne rechts) rund 50 Gäste begrüßen, darunter Staatssekretärin Simone Schneider (Mitte) vom Wirtschaftsministerium, Prof. Dr. Till Proeger (hinter R. Hellrich) sowie Vertreter des Handwerks, der Politik, der Verwaltung und der Debeka. Foto-Quelle: HwK Koblenz / Dagmar Schweickert

Zur Veranstaltung begrüßte HwK-Präsident Kurt Krautscheid rund 50 Gäste, darunter Staatssekretärin Simone Schneider vom Wirtschaftsministerium, Prof. Dr. Till Proeger von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen, sowie Vertreter des Handwerks, der Politik, der Verwaltung und der Debeka. Kurt Krautscheid erinnerte an die dramatischen Ereignisse im Juli 2021 und würdigte den außergewöhnlichen Einsatz der Handwerksbetriebe. Obwohl rund 600 Betriebe selbst betroffen waren, packten die Handwerker direkt nach der Flut an. Sie sicherten, reparierten, improvisierten und trugen entscheidend dazu bei, dass die Menschen inmitten der traumatischen Ereignisse möglichst schnell mit dem Nötigsten – wie Strom, Wasser, Heizung, Licht, Türen und Fenster – versorgt waren und ihren Alltag aufnehmen konnten. Mit Blick nach vorn betonte Kurt Krautscheid, dass die damaligen Erfahrungen auf keinen Fall in einer „Flut-Demenz“ verloren gehen dürfen. Vielmehr gelte es, sie „wissenschaftlich aufzuarbeiten und für künftige Krisen nutzbar zu machen.“ 

In einer Podiumsdiskussion tauschten sich (von links) HwK-Hauptgeschäftsführer Ralf Hellrich, Staatssekretärin Simone Schneider, HwK-Präsident Kurt Krautscheid, Dirk Lescher als Hauptabteilungsleiter der Debeka Allgemeinen Versicherung AG und Frank Wershofen als Kreishandwerksmeister aus über Erfahrungen aus der Flut, die Bedeutung funktionierender Netzwerke sowie erforderliche Konsequenzen für zukünftige Krisen. Foto-Quelle: HwK Koblenz / Dagmar Schweickert

Dafür wurde mit der Veranstaltung und ersten wissenschaftlichen Interviews vor Ort in der Ahr-Akademie eine Studie gestartet, in der Till Proeger und sein Team untersuchen, wie Handwerksbetriebe, Handwerksorganisationen und ihre Netzwerke während der Flut agierten. Kurt Krautscheid betonte: „Die Studie untersucht im Detail, welche Faktoren schnelle Hilfe ermöglichten, wo Herausforderungen oder Engpässe bestanden und welche Handlungsempfehlungen sich daraus für Politik, Verwaltung und Handwerksorganisationen ableiten lassen.“
Staatssekretärin Simone Schneider würdigte in ihrem Grußwort den wertvollen Einsatz, den das Handwerk nach der Flutkatastrophe gezeigt hat: „Das Handwerk war von Anfang an vor Ort, hat angepackt und vor allem effektiv Hilfe organisiert!“ Sie freute sich, dass man nicht im Gedenken verharrt, sondern „wie es typisch ist fürs Handwerk: aktiv bleibt und die ,lessons learned‘ für die Zukunft nutzt.“ Ein positiver Effekt sei außerdem, dass die Ausbildungszahlen sich im Handwerk und insbesondere im Kreis Ahrweiler inzwischen positiv entwickeln.

Prof. Dr. Till Proeger von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen stellte in seinem Vortrag die Methodik, Fragestellung und Ziele der Studie vor, die sich mit dem Handwerk als Resilienzfaktor in Krisenfällen beschäftigt. Foto-Quelle: HwK Koblenz / Dagmar Schweickert

Im Anschluss ging Till Proeger in seinem Vortrag auf Ziele, Fragestellungen und die wissenschaftliche Methodik der Studie ein. „Im Mittelpunkt stehen die organisatorischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leistungen des Handwerks während der Flut sowie die Frage, wie diese Erkenntnisse in zukünftige Resilienzstrategien einfließen können. Das Handwerk hat sich als aktiver Krisenmanager bewährt und Handwerksorganisationen wie hier die HwK Koblenz bringen exzellente Strukturen mit, um schnell für eine gut organisierte Hilfe zu sorgen.“ Die wissenschaftliche Studie soll in den kommenden Monaten die Fluterfahrungen systematisch dokumentieren und auswerten. 
Die anschließende Podiumsdiskussion moderierte HwK-Hauptgeschäftsführer Ralf Hellrich, der bekräftigte: „Die Flut hat gezeigt, dass funktionierende Handwerksstrukturen, wie wir als HwK sie bereitstellen, ein entscheidender Baustein gesellschaftlicher Resilienz sind. Sie könnten als Ergebnis der Studie in Zukunft als Blaupause bundesweit zum Einsatz kommen.“ Auf dem Podium tauschten sich Kurt Krautscheid, Simone Schneider, Dirk Lescher als Hauptabteilungsleiter der Debeka Allgemeinen Versicherung AG und Frank Wershofen als Kreishandwerksmeister im Kreis Ahrweiler aus über persönliche Erfahrungen aus der Flut, die Bedeutung funktionierender Netzwerke sowie erforderliche Konsequenzen für zukünftige Krisen.
Nach einer offenen Gesprächsrunde mit dem Publikum erklärte Kurt Krautscheid abschließend: „Fünf Jahre nach der Flut ist jetzt der richtige Zeitpunkt, aus unseren Erfahrungen Konsequenzen für morgen zu ziehen. Das Handwerk bis in seine kleinsten Strukturen war damals Teil der Lösung – und muss künftig in Krisenvorsorge und Resilienzstrategien als wichtiger Faktor mitbedacht werden.“

Das Publikum wurde bei der Auftaktveranstaltung aktiv in die Podiumsdiskussion einbezogen. Unter anderem berichtete hierbei Marc Ulrich über seine Erfahrungen mit dem Helfer-Shuttle, den er schon kurz nach der Flutkatastrophe mit einem Team organisiert hatte, um Tausende Helfer koordiniert ins Flutgebiet zu transportieren. Foto-Quelle: HwK Koblenz / Dagmar Schweickert