KAB Basisgruppe Engers-Mülhofen/ KAB Bildungswerk Trier

"Auf den Schrei der Mutter Erde und der Armen hören ... " 

      Am 22.06.2026 fand in Neuwied-Engers eine Veranstaltung der KAB Basisgruppe Engers-Mülhofen und des Bildungswerkes der  KAB DV Trier   mit   Prof. Dr. Franz Segbers,  Sozialethiker,  ab 19 h  in der Kapelle des Heinrich-Hauses zum Themenkomplex: „Auf den Schrei der Mutter Erde und der Armen hören. Reichtum besteuern  -  Armut bekämpfen“   statt. Trotz der extremen Hitze fanden sich 17 Interessierte zum Vortrag und zur Diskussion   ' über die Verantwortung der Reichen und Überreichen angesichts wachsender sozialer Ungleichheit  und  ökologischer  Zerstörung  in der Welt sowie in Deutschland '  ein. Prof. Dr. Segbers stellte mit großer Fach- und Sachkenntnis sehr engagiert eine ökologisch und sozial gerechte Steuerpolitik vor, welche die Reichen und Überreichen im Kampf  gegen  den Klimawandel und dessen Folgen, aber auch gegen die verbreitete Armut in die Pflicht nehmen soll. 

Segbers trug   e i n l e i t e n d   vor: Das reichste  eine  Prozent der Weltbevölkerung besitzt annähernd die Hälfte des weltweiten Vermögens; die ärmere Hälfte jedoch nur 0,75 Prozent. Gleichzeitig verursacht dieses reichste Prozent so viel Treibhausgase wie die fünf Milliarden Menschen, die zu den ärmeren zwei Dritteln der Weltbevölkerung gehören. Ähnlich in Deutschland: Während die ärmere Hälfte nur etwa  5  Tonnen  CO 2  pro  Kopf emittiert, sind es bei  dem  reichsten Prozent mehr als  83  Tonnen!    Sodann verwies Prof. Segbers auf verschiedene offizielle  - eindeutige -  Informationen:

A)   Zum Thema   V e r m ö g e n  /  E i n k o m m e n  /  S t e u e r n     - 
Die Gewerkschaft  ver.di  veröffentlicht: „In Deutschland leben  700.000  Multimillionäre.  Sie halten zusammen mit den rund  5.000  Superreichen über die Hälfte (52,8 Prozent) des  Finanzvermögens.“   'statista':  „1 Prozent der Bevölkerung besitzen mehr als die Hälfte des Finanzvermögens in Deutschland.  (Finanzvermögen = Geldmittel, Investitionen und Ansprüche.) Dieses  1  Prozent besitzt knapp  30  Prozent des  gesamten  Vermögens. Auf die ärmsten  50 Prozent in Deutschland (= 42 Mio.) entfallen  3,4  Prozent des Gesamtvermögens.“  Oxfam, Januar 2026: „Anzahl der Milliardäre. Deutschland mit 172 Personen auf Platz vier weltweit. Ihr Vermögen ist 2025 inflationsbereinigt  um 30 Prozent auf  840,2  Milliarden US-Dollar gewachsen.“ Das 'Netzwerk Steuergerechtigkeit' und die Bürgerbewegung 'Finanzwende' erklären: „80 Mrd. Euro  entgehen uns  jedes  Jahr  durch  Steuerprivilegien.“  Hier sind zu nennen:     1997:  Aussetzung der Vermögenssteuer.     1998 / 2001 / 2009:  Senkung der Unternehmenssteuern.     Ab 1999:  Senkung des Spitzensteuersatzes bei der Einkommensteuer von 53 Prozent auf 42 Prozent.     1992 / 2008 / 2016:  großzügige Befreiungen  für große Unternehmensvermögen bei der  Erbschaftssteuer. 
   'Finanzwende' (= taz vom 4.6.2026/Anne Brorhilker) zeigt auf, dass   n e b e n   den Steuerprivilegien im Rahmen der  g e g e n w ä r t i g  geltenden Besteuerungsgesetzgebung in Deutschland dem Gemeinwesen jährlich circa  100  Milliarden Euro  durch Steuerhinterziehung und weitere circa  100  Milliarden  Euro  durch   Geldwäsche verloren gehen. Die derzeitigen Debatten um die öffentlichen Haushalte und die angeblich notwendigen Reformen verliefen sicherlich ganz anders, s t ü n d e  dieses Geld zur Verfügung.  Im Übrigen gilt: „Die Steuerquote - Anteil der Steuereinnahmen am Sozialprodukt - ist mit  23,1 %  niedriger als zu Beginn des Jahrtausends. Die Steuerbelastung der reichsten  20 %  ist dank steuerpolitischer Reichtumspflege seit Anfang des Jahrtausends gesunken. Am stärksten fiel die Steuerlast der Superreichen. Während zwischen 1998 und 2015 die reichsten  30 %  steuerlich entlastet wurden, wurden die unteren  70 %  stärker belastet. 
 

B)   Zum Thema   A r m u t  /  S o z i a l a b b a u  /  S o z i a l s t a a t     -
Segbers vertritt hierzu glasklar die Positionen: „Wer Armut bekämpfen will, der muss den Reichtum unserer Gesellschaft heranziehen. Armut ist falsch verteilter Reichtum.“    Der Sozialstaat/das Soziale überhaupt wird zunehmend in eine negative Position gedrängt. Z.B. Bundeskanzler Merz  äußert: „Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.“ In der aktuellen Sozialstaatsdebatte behaupten Wirtschaftslobby und konservativ-liberale Politiker, dass der Sozialstaat falsche Arbeitsanreize setze. Hohe Sozialleistungen würden viele Menschen davon abhalten, zu arbeiten. Diese interessengeleitete Erzählung zeichnet ein Zerrbild der Wirklichkeit. Die Sozialleistungsquote - der Anteil der Sozialausgaben am Sozialprodukt - stieg in den letzten 25 Jahren nur geringfügig. Sie ist heute sogar niedriger als im Jahr  2020. Darüber hinaus wuchsen die deutschen Sozialausgaben seit 2000 deutlich langsamer als in der überwiegenden Zahl der Industrieländer.  Angesichts der Fakten, dass von den abhängig Beschäftigten in Deutschland in den vergangenen Jahren zig Millionen unbezahlte Überstunden  geleistet wurden, mit immensen Kostenvorteilen für die Arbeitgeberseite/die 'Wirtschaft', dass Deutschland weiterhin die drittstärkste Volkswirtschaft der Welt und die stärkste in Europa ist und der oben genannten Gegebenheiten im Hinblick auf Vermögen/Einkommen/Steuern - ist das vorstehend zitierte Statement des Bundeskanzlers schlicht nicht nachvollziehbar!   
C) Zum Thema U m w e l t b e l a s t u n g e n / K l i m a ( u n ) g e r e c h t i g k e i t -
'Chancel u.a.' 2023: „Die  obersten  zehn Prozent  der Personen sind für fast die Hälfe der   g l o b a l e n   Kohlendioxid-Emissionen  ( CO 2 ) verantwortlich. Die unteren neunzig Prozent nur geringfügig höher als die der obersten  zehn  Prozent.“
Oxfam Deutschland, 2026: „Die 100 größten Unternehmen Europas sind für  26  %  der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.“  Hans Böckler Stiftung/WSI 2026: 'Luxus  verursacht  Emissionen' - So viele Tonnen CO 2 pro Kopf gingen  2019  weltweit auf das Konto der oberen  0,1 %  =  425 TO  -  der unteren  50 %  =  1,4 TO. 
     Das alles sind unhaltbare Zustände! Diese müssen entscheidend verändert werden! Segbers  formuliert  es  überzeugend  s o : „Wer Armut bekämpfen will und wer die Klimakrise angehen will, der muss auch über Steuern sprechen.  Steuern sind kein Allheilmittel, aber ein kaum beachteter Hebel.  Ohne eine gerechte Steuerpolitik ist weder die soziale Krise noch die ökologische Krise zu lösen.“  
S c h l u s s w o r t
Öffentliche Güter beziehen ihre Legitimität und gesellschaftliche Anerkennung daraus, dass sie von allen finanziert, auch allen in gleichem Masse zugänglich sind. Sie sind die politische Konkretisierung sozialer Rechte, wie des Rechts auf soziale Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Wohnung und Arbeit. Öffentliche Güter und Dienstleistungen sind Ausdruck  institutioneller  Solidarität.


Text:     Anne Basten / Günther Salz / Helmut Gelhardt
Fotos:   Anne Basten